
Milla. Eine zarte Gestalt. Ein Schatten plötzlich auf der Wiese draußen vorm Schwimmbad, das zum Sanatorium gehört. Ich liege in einem Liegestuhl und ruhe mich aus – von meinem Leben in der Großstadt. Milla stand plötzlich einfach da mit ihrem Fahrrad und murmelte irgendetwas vor sich hin. Das war am ersten Tag auf der Insel. Ich glaube, drei- oder viermal haben wir uns getroffen. Ich war nur ein paar Tage auf der Insel. „Ich weiß nicht...“ meine ich plötzlich zu verstehen, und wieder hebt sie an: „Ich weiß nicht...“. „Was?“, frage ich, „was weißt Du nicht?“. „Ich weiß nicht...“, beginnt sie noch einmal, springt von ihrem Rad und schwingt ihre Knie auf den Stuhl neben mir, „ich weiß nicht, ob die das gut finden“, sagt sie dann endlich. „Was?“, frage ich, „was gut finden?“. Ich finde sie süß. Ganz eigen. Ganz zart. Und ich weiß gar nicht, ob sie mich wirklich wahrnimmt. „Wenn ich..., wenn ich, ich weiß nicht, ob die das gut finden..., ich weiß nicht, ob man da einfach lang laufen darf.“ Sie springt von ihrer Liege und geht ein paar Schritte, biegt um die Ecke und in Richtung eines kleinen Abhangs, wo man eine Fensterfront sehen kann.
Sie gehört zum Krankenhaus. „Ich weiß nicht“, höre ich sie nun noch einmal, „ob man da einfach so lang laufen darf“. „Wer?“, frag’ ich, „wer da lang laufen darf?“. Und jetzt interessiert es mich wirklich. „Die Jungs... Ich weiß nicht... Mein Papa hat gesagt, das dürfen die nich, das stört die...“. Und es sieht aus, als wolle sie selbst da lang laufen. „ Frag’ doch mal“, sage ich. „Hm“ macht sie und geht ein paar Schritte. Und geht. Dann kommt sie wieder. Und erklärt noch einmal mit Nachdruck, ihr Vater habe es verboten und es sei ihm bestimmt nicht recht. „Ich bin nämlich eigentlich...“, wieder gerät sie ins Stocken, „eigentlich bin ich... äh...zun Joggen gekommen“. Sie flüstert fast. Und ihr feines Haar hängt ihr im Gesicht. Sie sind glatt und braun.
Und sie reichen ihr bis zum Kinn. Ein bisschen wie Schnittlauch. „Na, dann frag doch mal“, sage ich wieder. „Nö...“, sie schüttelt den Kopf, „ich frage nicht“. „Gut!“, sage ich und mache es mir wieder auf meiner Liege gemütlich. Sie rutscht auf ihrer, auf der sie inzwischen wieder Platz genommen hat, hin und her und schielt immer wieder zu mir rüber. Ich frage sie, ob sie eins meiner Handtücher haben möchte. Sie nickt. Ich reiche es ihr. Sie macht es sich gemütlich. „Arbeitet der da, dein Vater?“. Ich deute auf en Komplex vor uns, aus dem immer mal wieder Leute kommen und an uns vorbei gehen. Schwestern, Pfleger, Ärzte, Patienten. Sie nickt. „Dann wohnst Du hier in der Nähe, ja?“. „Ja“, sagt sie und: “ Ich wohn da drüben.“ Und zieht dabei das „ü“ wie um das, was sie sagt, für sich selbst glaubhaft zu machen. Und deutet rüber in die Dünen. Am nächsten Tag kommt sie mit ihrem Fahrrad, vor dessen Lenker ein großer Korb hängt, in dem ein Stoffhund sitzt. Aisha! Wieder platziert sie sich auf der Liege neben mir. Und erzählt von ihrem Hund. Sie nimmt ihn aus dem Korb. “Füttert“ ihn. Wiegt ihn. Turtelt vor sich hin. Dann streckt sie ihn zu mir hin, zeigt mir, wie ich ihn auf meiner Liege betten soll, damit er nicht fällt und damit er sich wohlfühlt. Wie ich ihn füttern soll. Und ich bette ihn zwischen meine Knie. Sie zeigt mir, wie er ausdrücklich liegen soll. Ich befolge ihre Anweisungen. Und schmunzel ein bisschen dabei. Da fällt sie mir beinahe, Aisha. (Das ist ein Mädchen, sagt Milla.) „Uups!“, sage ich. Jetzt schmunzelt sie. Sie hat verstanden. Ich spiele ihr Spiel mit. Wir wissen beide, dass wir ein Spiel spielen. Und wir spielen. „Na, sie lebt noch!“, sage ich entschuldigend. Milla quietscht vor Vergnügen.
Ich erzähle ihr, dass ich auf der Insel zu Besuch bin. Dass ich eine Freundin besuche, die hier als Ärztin arbeitet. Sie hört aufmerksam zu. „Wie heißt die denn?“, fragt sie. Ich sage es ihr.
Sie verdaut, was sie hört. Wirklich! Sie lässt sich den Namen auf der Zunge zergehen. Und sie schluckt ihn und macht „Hm“ mit geneigtem Köpfchen. Ich sage ihr, dass sie jeden Moment kommen muss. Und dass wir dann in den Dünen spazieren gehen wollen. „Kann ich da mitkomm?“, fragt sie, und das Köpfchen ist wieder da. „Warum nicht“, sage ich. „Aber meine Freundin müssen wir auch noch fragen, ok?“. Milla nickt. Da kommt meine Freundin, und es geht alles ganz schnell. Sie ist sehr in Eile. Also brechen wir Richtung Strand auf, sie erzählt ein bisschen und Milla fährt mit ihrem Rad vor. Auf das einzige Haus zu, das weit und breit zu sehen ist.
Ihr Rad verschwindet am Horizont. Wieder auf Sichthöhe sehe ich wie sie durchs offene Fenster mit einer Frau diskutiert. Das Köpfchen insistiert. Meine Freundin drängt. Sie hat endlich eine Pause. Sie kenne das Kind raunt sie mir kurz zu. Die Familie stecke in großen Schwierigkeiten. Beide Eltern arbeiten im Krankenhaus und stehen beide kurz vor der Kündigung. Ich bin hin- und hergerissen. Möchte nicht ohne Milla gehen. Ich habe das Mädchen in mein Herz geschlossen. Ich sehe sie noch aus der Ferne verhandeln. Und folge doch wie von einem Magneten angezogen meiner Freundin in die Dünen. „Musst du wissen“, murmelt sie noch. Ich komme mir vor, als habe ich keine Wahl. Man sieht das Haus von Millas Eltern nicht mehr. Ein leeres Gefühl bleibt zurück. Ein Tag vergeht. Am nächsten Tag sehe ich sie nicht. Und bin traurig. Richtig traurig. Vermisse sie. Hätte ihr Lebewohl sagen wollen. „Das war’s“, denke ich. Mein Gewissen habe ich noch beruhigen können gestern am Strand.
Irgendwie. Es ist der Tag meiner Abreise, als sie plötzlich wieder mit ihrem Rad da steht. Dieses mal direkt vor dem Fenster zum Schwimmbad. Wie eine Erscheinung. Miiilllla!!! Mein Herz hüpft. „Hallo Milla!“, rufe ich. „Hallo“ kommt es ganz leise zurück, als wäre nichts zwischen uns geschehen, als sei sie wieder und zum aller ersten mal zum Joggen gekommen. Wieder murmelt sie etwas vor sich hin. Diesesmal geht es ums Schwimmen. Ob das wohl erlaubt ist. Ich frage, ob wir heute noch schnell spazieren gehen. Sie nickt. Ich entschuldige mich für gestern. Ihre Stimme klingt weit weg wie sie immer weit weg klingt, wenn sie spricht, als sie sagt:“ Ach gestern, da konnte ich auch gar nicht“. Sie hat nicht vergessen. „Ich musste baden“, sagt sie und grinst. „Puh, da bin ich aber beruhigt!“, sag’ ich. Mir fällt ein Stein vom Herzen.
Wir laufen los. Aber sie muss fragen. „In Ordnung“, sage ich. Wir kommen am Haus ihrer Eltern vorbei, das ich ja jetzt kenne. „Ich gehe schon vor“, sage ich und gehe langsam weiter. „Is gut“, sagt sie und stellt ihr Rad ab. Und verschwindet Richtung Tür. „Da oben“ sage ich und zeige Richtung Treppen, die in die Dünen führen, treffen wir uns, okay?“. Sie nickt. Ich laufe los. Aus der Ferne sehe ich sie wieder mit ihrer Mutter verhandeln. Dieses mal insistiert das Köpfchen gar nicht mehr so sehr. Ich laufe langsam weiter ohne die beiden aus den Augen zu lassen. Dann drehe ich mich doch weg zum Strand hin. Das Meer! Als ich mich wieder umdrehe, sehe ich Mutter, Milla und einen kleinen Jungen, der ihr Bruder sein muss schon auf mich und das Meer zu kommen.. Die Mutter sieht nett aus. Als sie auf meiner Höhe sind, entschuldigt sie sich für ihre Tochter. „Nein“, sage ich, „kein Problem“. „Ja, wenn das wirklich kein Problem ist“, sagt sie zaghaft, ein bisschen ungläubig, ein bisschen erfreut. „Nein, wirklich“, sage ich, „ich nehme sie gern mit“. SieUnd wie Milla am ersten Tag ihr „ü“ so betont hat, lege ich jetzt das ganze Gewicht auf mein „gern“. Millas Mutter streckt mir die Hand entgegen. „O“, sage ich und ergreife die Gelegenheit, „und das ist das Brüderchen!“. Millas Mutter hat es bei sich an der Hand. Das Brüderchen blickt verlegen zur Seite und vergräbt den Kopf an ihrem Hosenbein. „Ja!“, sagt sie „wir müssen noch Kuchen backen, er hat morgen Geburtstag“. „O!, wie meine Schwester“, sag ich.
Beide strahlen, Mutter und Tochter. „Tja, dann...“, sage ich, “ich bringe sie gleich wieder zurück.“ „Aber nur, wenn es ihnen wirklich nichts ausmacht“, sagt sie noch mal und mustert mich jetzt zaghaft. „Ich nehme sie gern mit“, sage ich noch einmal. Und muss lächeln Es erstaunt mich, dass man daran zweifeln könnte, dass eine junge Frau Freude daran haben könnte mit einem kleinen Mädchen zum Strand zu gehen, dass ich Freude daran haben könnte mit Milla spazieren zu gehen. Jetzt schmunzelt sie ein bisschen und dreht sich dann mit einem leisen „Na gut“ und dem Brüderchen an der Hand zum Gehen um und lässt Milla bei mir. Sie folgt mir Richtung Strand. Wir sammeln alles Mögliche. Muscheln. Bunte Bonbonpapiere. Kleine Gegenstände, die am Strand verrotten. Ich erzähle ihr von einem Mann, der manchmal die Insel besucht. Er baut Burgen und Skulpturen und ganze Gärten aus Resten von Dingen, die das Meer angespült hat. Sie erzählt von ihrem Vater. Sie will diesen Mann mit ihm besuchen irgendwann. „O, mach das unbedingt!“, sage ich wie ich ihre Begeisterung sehe für all die kleinen Dinge, die der Strand bereithält.
Sie strahlt. Sie ist voller Pläne und Ideen. Sie will die Burg besuchen, für die der Mann auf der Insel ein bisschen berühmt ist und die so etwas wie ein Wohnsitz für ihn ist. Ich erkläre ihr, wie er sie baut. Sie hört aufmerksam zu. Wir sprechen über die Muscheln, die wir gesammelt haben- und was man damit machen kann. Ihr fallen 1000 Dinge ein, die sie damit machen will. Und sie blüht richtig dabei. Ich muss kurz an unsere erste Begegnung denken. Wie ich ihr erzähle, dass wir spazieren gehen wollen. „Geht ihr zun Straand?“ hat sie gefragt. „Ja“. „Das ist m e i n Strand“, hat ihre weiche tiefe Stimme gesagt. Eine beinahe erwachsene Stimme, nicht kindlich. Und ihre Augen sind Richtung Dünen gegangen. Ihre Dünen. Ihr „ü“. Als sei sie die Herrin des Meeres, der allein es seine verborgensten Geheimnisse anvertraut. Dann plötzlich erzählt sie mir die Geschichte vom Blut. Sie erzählt sie auf dem Weg zum Meer. Noch bevor wir das Haus ihrer Eltern erreicht haben. Sie ist aufgekratzt. Sie erzählt davon wie sie mit dem Fahrrad hingeknallt ist. Und es geblutet hat. So doll. Sie schüttelt sich. Ihr ganzer kleiner zarter Körper, die feinen Haare – alles ist in Bewegung. „Überall Blut“, sagt sie und weitet die Geschichte genussvoll aus beim Erzählen. Hier Blut und da Blut und Blut und Blut und Blut. „O je!“, sag ich. Aber sie macht gar keinen betroffenen Eindruck. Sie ist fasziniert von ihrer eigenen Geschichte.
Von ihrem Erlebnis. „Und ich hab’ gebrüllt“, sagt sie, und hält kurz inne und sagt dann noch: bis zu’n Kosmos!“ und wirft wieder den Kopf. Ich muss ein bisschen Drängen. Unsere Zeit ist um. Wir gehen zu den Treppen zurück und zum Haus ihrer Eltern. „Gleich geht die Fähre, Milla!“, sage ich. „ Reist Du heute aab?“, fragt ihre nachdenkliche tiefe weiche Stimme, die manchmal von so weit herzukommen scheint. „Ja.“, sage ich. „Schaade!“, sagt sie. (Soviel „a“ auch, wenn Milla spricht.). „Ja“, sage ich, „vielleicht komme ich mal wieder“. Sie lächelt. Und betrachtet die Muscheln in ihrer Hand. Und ich lächel auch. Sie bietet mir eine zum Abschied an. Ich lächel noch mal und nehme sie. „Wieder sehn!“, sag ich. „Wieder sehn!“, sagt Milla. „Und noch’ n schönen Tag!“, sage ich. „Dir auch!“. Und jetzt strahlt sie. Und entblößt die Zahnlücke, die einem das Leben in ihrem Alter beibringt. Schüttelt das feine Haar und läuft zum Haus zurück. Mit ihrem Lächeln. Ich mit meinem. Trägt es davon. Ohne Zähne. Voller Glück.